Weimar oder wie inszeniert man einen Mythos?

Nach Weimar reist man nicht ohne „inneres Gepäck“, denn der Mythos dieser Stadt und die mit ihm verbundenen Namen haben Weimar ideologisiert, aber Weimar hat auch die Brüchigkeit deutscher Geschichte deutlich gemacht, denn Buchenwald liegt nur wenige Kilometer entfernt.
Wo immer man sitzt , geht oder steht – die Chance, daß einem ein Meisterwerk ins Blickfeld rückt, liegt bei fast hundert Prozent. Wer war nicht alles hier: der Maler Lucas Cranach, Goethe, Wieland, Schiller, Herder, Bach, Liszt, Nietzsche, aber auch Henry van de Velde, dessen Werk als wichtige, geistige und materielle Voraussetzung für die Bauhausgründung
durch Walter Gropius gilt, es folgten Lyonel Feininger, Paul Klee, Wassily Kandinskiy und Oskar Schlemmer, um nur einige wenige zu nennen.

Schon der skandalumwitterte Dramatiker August von Kotzebue betitelte denn auch 1811 Weimar als „Deutschlands Athen,“und Thomas Mann sprach von der „Stadt ewigen Ruhms.“
Weimar hat weder Palazzi noch eine Akropolis, wohl aber diesen Mythos, an dem es schwer trägt.
Beim Müßiggang durch alten Gassen,vorbei an krummen ,noch nicht renovierten Häusern, verfallenen Mauern, von denen der Putz abblättert, und vorbei an zugigen Türen spürt man vielleicht am deutlichsten diesen Kampf der Extreme, von dem schon Goethe schrieb:
„O Weimar! Dir fiel ein besonder Los: Wie Bethlehem in Juda klein und groß!
Bald wegen Geist und Witz beruft dich weit Europens Mund, bald wegen Albernheit. Der stille Weise schaut und sieht geschwind, wie zwei Extreme nah verschwistert sind“.
Und wieder steht ein Extrem, eine Herausforderung bevor: Der Brückenschlag zur Zukunft soll künftig erfolgen – mit Mythos und Moderne. Weimar war zwölf Monate lang Europaskulturelles Zentrum, im Sinne von Melina Mercouris Ziel: “Einen lebendigen Dialog zwischen den Kulturen Europas zu schaffen und die kulturellen Eigenschaften zu respektieren.“ Salopp heißt das nichts anderes als „ den Club der toten Dichter“ zu neuem Leben erwecken, modern, zeitgemäß und „weimarmäßig“, sprich standesgemäß.
Weimar umgibt eine eindrucksvolle Stille, erlebbar bei einem Spaziergang durch den herrlichen englischen Park an den Flußufern der Ilm, wo Goethes Gartenhaus in Sichtweite zu Charlotte von Steins, seiner langjährigen Freundin, rosaroten Palais steht, oder auf dem
Weg zur Fürstengruft, wo die Gräber von Herzog Carl August, Goethe und Schiller
nebeneinander stehen, wo man auf dem Friedhof noch ein kleines Kreuz mit der Inschrift:“ Hier ruht in Gott Francois Ren´e Coullon“, Küchenmeister der Herzogin Anna Amalia ( Mutter des Herzogs) datiert 10. 8. 1839 findet. Stille herrscht auch in den Gärten des Schlosses Belvedere, dem „Sanssouci“ der Herzöge von Weimar, drei Kilometer außerhalb der Stadt mit einem schönen Botanischen Garten und einer sehenswerten Orangerie.
Das Spannende an Weimar ist die Beobachtung, wie die Stadt „ ihrer selbst begründeten Tradition folgend, sich jetzt ihre eigenen Spuren für die Zukunft
legt. „Neues nicht zu mögen, hat in Weimar Tradition“. Schon 1905, als „die Moderne nach Weimar wollte“, sprich Auguste Rodin mit seinen vierzehn Aktzeichnungen für einen öffentlichen Skandal sorgte, dem schließlich Harry Graf Kessler beim Weimarer Hof
ob derlei „ekelhaften und anstößigem“ Modernismus zum Opfer fiel. Weimar nur literarischer Wallfahrtsort? Das hat sich gewaltig geändert und damit vielleicht auch die Strenge.
Weimar heißt wandeln, und wer die ‘Ruhe vor dem Sturm’ sucht, sollte jetzt kommen, denn Stille läßt sich schlecht konservieren, eher spüren, so bei beim Doppelstandbild von Goethe und Schiller vor dem Deutschen Nationaltheater, wo am 11. August 1919 die Weimarer Verfassung verabschiedet wurde, als Fundament der ersten deutschen Republik.
Unweit von hier steht auch das neue Bauhaus-Museum mit seinen 600 Exponaten, oder abends, wenn sich die Dämmerung in die Gassen legt, und alles Leben auf dem Marktplatz ruht, im ehrwürdigem Cranach-Haus ebenso wie in dem schönen Renaissance- Rathaus und nur im legendären Hotel Elephant , in dem Goethe schon seinen Madeira zu trinken pflegte, leise Barmusik erklingt, dann fragt sich der Besucher heimlich, ob denn „sein darf, was nicht sein kann,“ Weimars Bürger jetzt vielleicht ganz trivial vor dem Fernseher hocken.

Sabine König-Krist