Sind Sportverletzungen durch Stretching vermeidbar?

(mko) Steigert Stretching die sportliche Leistungsfähigkeit, indem es die Beweglichkeit bessert, die Muskelsteifigkeit vermindert und die muskuläre Compliance fördert? Und schützen die Dehnübungen tatsächlich vor Sportverletzungen?
Diesen Fragen sind jetzt die Wissenschaftler Dr. Malachy P. McHugh und Mitarbeiter vom Nicholas Institute of Sports Medicine and Athletic Trauma in New York nachgegangen. Eine ganze Reihe von Untersuchungen belegt, dass schon eine einzige Folge von Dehnübungen die Muskelkraft aufgrund neuraler Faktoren akut beeinträchtigt. Werden die vorbereitenden Stretches mit anderen Warm-up-Übungen wie Bewegungen von geringer Intensität kombiniert, scheint dieser Effekt jedoch kaum eine Rolle zu spielen. Bei Sportarten, die große Beweglichkeit verschiedener Gelenke verlangen, beispielsweise Gymnastik oder Ballett, müssen die Athleten bzw. Tänzer sich gezielt vorbereiten, um die geforderte Beweglichkeit für ihre Vorstellung zu erreichen. Ob dies nur durch Stretching oder nur durch Warm-up oder aber mit einer Kombination aus beidem zu erreichen ist, kann anhand der vorliegenden Literatur nicht abschließend beantwortet werden, stellen die Review-Autoren klar.

Eventuell weniger Muskelzerrungen

Was die Prävention von Sportverletzungen durch Dehnübungen anbelangt, ist die Datenlage uneinheitlich. Allgemeiner Konsens besteht, dass Stretching im Rahmen eines Warm-ups das Risiko für Überlastungsverletzungen nicht reduzieren kann. Was die Inzidenz von Muskelzerrungen angeht, gibt es jedoch Hinweise, dass diese durch das Stretching vermindert wird. Allerdings besteht eindeutig weiterer Forschungsbedarf, betonen die Review-Autoren.

Zielmuskeln mindestens 4-mal 1 Minute dehnen
Aufgrund der wenigen vorhandenen Studien kann man derzeit folgende Empfehlungen zur Prävention von Verletzungen geben:

• Vor der eigentlichen sportlichen Betätigung sind gezielte Stretching-Übungen für Muskelgruppen empfehlenswert, die bei der ausgeübten Sportart besonders beansprucht werden. So kommt es beispielsweise beim Eishockey häufig zu Muskelzerrungen in den Adduktoren und in den Hüftbeugern. Beim Fußball ist es die ischiocrurale Muskulatur („Hamstrings“), die besonders beansprucht wird und daher verletzungsgefährdet ist.
• Die Zielmuskeln sollten beidseits mit mindestens vier bis fünf jeweils 60 Sekunden dauernden Stretchübungen bis zur Schmerzgrenze gedehnt werden. Ziel ist, den passiven Widerstand gegen¬über der Dehnung zu reduzieren.
• Um einer durch das Stretching bedingten Leistungsminderung des Muskels entgegenzuwirken, ist es ratsam, vor dem Sport dynamische Übungen zu machen. Hier kommen beispielsweise ein paar leichte Dribbel- oder Kickübungen vor dem Fußballspiel oder einige Skating-Runden vor dem Eishockeymatch in Betracht.
Wie Dr. McHugh und seine Kollegen betonen, braucht man nicht nur weitere experimentelle und epidemiologische Studien, sondern auch prospektiv randomisierte Untersuchungen, um die Frage nach dem Nutzen des Stretchings vor der sportlichen Aktivität zuverlässig beantworten und spezifische Empfehlungen für den Athleten geben zu können.